aus dem Roman OTTER von Ralph Billmann

11.03.2019 / 09:00
Kategorien: Fun   Deutsch

Otter und Rohs Teil IV.

Sie gehen auf die Straße. Das Sonnenlicht lässt Otter das eine Glas Wein spüren.
Nach einer Weile treten sie in einen dumpf riechenden, schummerigen Kellerraum ein – ihr Proberaum, der vor ihnen schon so manche Musiker beherbergt haben muss; man sieht es an inzwischen verblassten Plakaten, die angestaubt die ungeputzten Kellerwände verzieren, auf denen erbauliche Musikergesichter mit Zuversicht ins farblose Kellerlicht schmunzeln. Musiker wie Otter und Rohs, die mit ihren Träumereien, Illusionen und mit Vertrauen in die Zukunft ihre Größe suchen. Doch so einige fanden sich wieder, zwischen voll gefüllten Krügen mit Gerstensaft, die johlend geleert und hinuntergekippt werden, unter den Stoffen eines Bierzeltes.

Rohs kommt aus einem Land, wo er als Musiker Kronen statt Deutschmark erhält. Otter war einige Male mit Rohs dort – sie spielten in Prag und erhielten ihre Kronengage, die mit nach Hause zu nehmen sich aber nicht lohnte. Um die Gage loszuwerden, aßen und tranken sie gut und ausgiebig in teuren Restaurants.
Otter bestellte schon mal zwei Hauptgerichte nacheinander. Die letzten Taler, die dennoch einmal übrig geblieben waren, klopfte er halt für Schafwollsocken und große blecherne aufziehbare Marienkäfer auf den Kopf.

Die Nächte verbrachten sie bei Rohs‘ Freund. Er wohnt außerhalb von Prag, auf einem alten Mühlenhof, der aus mehreren altersschwachen, bröckeligen, zusammengestellten Backsteinhäuschen, ein paar Hühnern, zwei Schweinen und einem zugewachsenen Schaf besteht. Wo der Kopf vom Hinterteil keinen Unterschied macht.
Der Hausherr – selbst Musiker – der zusammen mit Otter und Rohs schon die Bühne geteilt hatte, ist ein liebeswürdiger kleiner Wikinger mit dickrandiger gestauchter Brille, der mit langem, zerzaustem fettigen Haar, ausgefranstem Rauschebart, abgewetzten Hosen, die Füße bestrumpft in braune Sandalen gesteckt, als anerkannter Geiger seines Landes die Berliner Bühnen eroberte und sie mit seiner Virtuosität in Glanz eintauchte.

Sein gigantisch großes Schlüsselbund, das an seiner Hose als schmückender Ballast schwer herunterhängt, konkurriert mit dem eines Einbrechers und lässt immer wieder den Moment offen, wann der Wikinger kopfüber von der Bühne fällt. Ein Musiker nannte ihn treffend H. die Hexe.

Zusammengefasst ist H. die Hexe dem Mann auf der Straße, der mit hohler Hand nach ’ner Mark fragt, täuschend ähnlich. Nimmt er aber statt des Hexenbesens seinen Bogen und lässt ihn zart über die Saiten gleiten, vergisst man schnell den Mann mit hohler Hand und möchte ihm vor Freude ein ganzes Pfund zustecken.

März 2019
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